Cadolzburger Dekan räumt Pfarrei für junge Flüchtlinge

Cadolzburg (dpa) – Der Fußball kracht donnernd gegen das Tor, drei junge Flüchtlinge spielen in der Einfahrt der Pfarrei St. Otto in Cadolzburg. Andere stehen im Eingang und versuchen, ihre Handys in Gang zu bringen. Wo sich sonst Seniorengruppen treffen oder der Kirchenchor probt, liegen jetzt etwas mehr als 30 Matratzen. Hinter dem Haus steht ein großer blauer Duschcontainer, im Garten sollen Fußballtore aufgestellt werden. Mitten in dem ganzen Gewusel steht Dekan André Hermany, abwechselnd mit dem Handy am Ohr oder einem Schrubber in der Hand. Der 57-Jährige hat Anfang der Woche kurzerhand seine Pfarrei leer geräumt und Platz für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gemacht. 

 

Mit dem wachsenden Zustrom von Asylbewerbern kommen auch immer mehr Minderjährige ohne Eltern in Bayern an. Die Unterkünfte reichen längst nicht mehr aus. Daher sagte sich Hermany: «Weihnachten ist jetzt – wir müssen die vielen Flüchtlinge bei uns willkommen heißen.» Seitdem wirbelt er durch seine Pfarrei und irgendwie hat man das Gefühl, er sei stets an fünf Orten gleichzeitig. Er organisiert Kleidung, Essen, eine Duschmöglichkeit und Zelte. «Auch bei Regen müssen die Jugendlichen sich schließlich bewegen können», sagt der 57-Jährige.

 

«Ich bekomme eine riesige Welle von Hilfsangeboten», erzählt er und zeigt die prall gefüllte Kleiderkammer und Kisten mit Schokolade. Ein Supermarkt beliefere die Pfarrei sogar kostenlos mit Lebensmitteln. Mehrere Dutzend ehrenamtliche Helfer unterstützen Hermany. «Alle sind bereit, etwas zu tun.» Manchmal scheint er selbst überrascht, wie schnell und unbürokratisch geholfen wird. «Im Moment brauche ich keine Kleidung mehr. Ich sage den Leuten immer, sie sollen mir die Sachen in zwei Wochen nochmals anbieten.» Denn wie lange die Jugendlichen im Pfarrhaus bleiben werden, ist noch völlig unklar.

 

Auch die Menschen in Cadolzburg haben die Jugendlichen extrem gut aufgenommen, sagt Erzieherin Heide Broek. «Die Bürger sind sehr freundlich. Niemand hat bisher gesagt, dass wir weg sollen.» Auch Ärzte helfen freiwillig. Ein Internist hat seine Praxis während seines Urlaubs geöffnet.

 

«Und die Jugendlichen sind so dankbar für alles. Sie sagen fünfmal Danke, nur weil du ihnen eine lange Hose gibst, die passt», erzählt Broek. Berührungsängste gebe es keine. «Das Kreuz bleibt im Pfarrsaal hängen», sagt Hermany – und das störe auch niemanden. Für die oft muslimischen Jugendlichen habe man das Mittagessen etwas verschoben, damit sie vorher in Ruhe beten können.

 

Hermany geht herzlich mit den Jungen um, fasst sie an der Schulter und übt Deutsch mit ihnen. «Die wollen das lernen. Die sitzen hier alle wie in der Schule.» Aber er hat ein paar Regeln aufgestellt wie etwa ein absolutes Rauchverbot. Mit «Hallo Chef» begrüßen die Jugendlichen ihn und helfen, wo sie können. Während der 57-Jährige spricht, schiebt er das Wasser einer großen Pfütze in einen Abfluss. Sofort kommt einer der Jugendlichen und nimmt ihm die Arbeit ab.

 

Die Jugendlichen sind zwischen 13 und 17 Jahren alt und kommen etwa aus Syrien, Somalia, Äthiopien, Afghanistan oder Nigeria. Ein Junge aus dem Iran erzählte Hermany: «Meine Eltern sind vor meinen Augen erschossen worden. Ich bin nur noch gerannt.»

 

Auch ein Jugendlicher aus Algerien hat eine besonders schreckliche Geschichte: Das Haus seiner Familie sei zerstört und sein Vater getötet worden, erzählt der 17-Jährige in brüchigem Englisch. Daher flüchtet er zu seinem Onkel nach Abuja in Nigeria. Doch eine Bombe tötet auch diesen Verwandten. Nach dem Krankenhausaufenthalt folgt eine Odyssee über Libyen, wo er wegen illegalen Aufenthalts acht Monate im Gefängnis sitzt, das Mittelmeer und Italien bis nach Deutschland. «Es war wie im Film für mich. Ich weiß gar nicht, wie ich das überstanden habe», sagt der junge Mann.

 

Ähnliche Geschichten erzählen die anderen Jugendlichen. Viele kamen in kleinen Booten, vollgestopft mit Menschen, über das Mittelmeer. Einige sind traumatisiert. Sozialpädagoge Joachim Dorweiler sagt: «Die Wege, auf denen die hierherkommen, sind oft finster. Und hier geht die Verschieberei lustig weiter. Das dauert, bis die mal zur Ruhe kommen.» Auch in der Pfarrei können die Jugendlichen nur wenige Tage bleiben. Dann geht es weiter in eine der drei sogenannten Clearingstellen in Bayern. Dort werden die Flüchtlinge auf ein Leben in Deutschland vorbereitet. Danach werden sie auf Jugendschutzeinrichtungen in den Landkreisen verteilt oder – im besten Fall – wird eine Pflegefamilie gefunden.

 

Unbegleitete Flüchtlingskinder müssen besonders betreut werden. Die Jugendlichen kommen daher auch nicht in eine normale Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber wie in Zirndorf oder München. Es muss einen geregelten Tagesablauf geben und Deutschunterricht. Lehrer im Ruhestand und ein junger Pädagoge, der keine Anstellung findet, haben Hermany ihre Hilfe angeboten.

 

Viel zu tun, außer Fußball- und Kartenspielen, Fernsehen oder Spazierengehen gibt es für die Jugendlichen in Cadolzburg zwar nicht. Dafür sind sie hier umgeben von einer idyllischen Natur und einer malerischen Burg. Hermany hofft, dass sein «Pilotprojekt» ein Beispiel wird für andere. Und dann fällt ihm doch noch etwas ein, das er brauchen könnte: Kleine Regenschirme und Würfelzucker, Honig, helle Marmelade und Nutella. «Das geht hier weg wie die Sau», sagt der Dekan. Die Jugendlichen lieben Süßigkeiten über alles.